KI und Kirche - Thema beim Generalkonvent 2026

Nachricht 07. Oktober 2026

Zwischen Verheißung, Versuchung und Verantwortung: KI in der kirchlichen Praxis

Wie kann künstliche Intelligenz (KI) die kirchliche Arbeit unterstützen, ohne die menschliche Verantwortung und den seelsorgerlichen Kern pastoralen Handelns zu verdrängen? Mit der Einladung an die Pfarrpersonen zum diesjährigen Generalkonvent im Sprengel Osnabrück hatte Regionalbischof Friedrich Selter deutlich gemacht: „Künstliche Intelligenz tangiert unser Leben und unser Berufsverständnis auf vielfältig Weise. KI erscheint als Verheißung und Versuchung und wirft grundsätzliche ethische Fragen auf. Ohne verantwortungsbewusstes menschliches Handeln ist sie nicht denkbar.“ 
Prof. Dr. Holger Sievert, Studienleiter der aktuellen DiRK 2026-Studie ordnete in seinem Impulsvortrag den aktuellen Stand zur „Digitalisierung im Raum der Kirchen“ anhand ausgewählter Ergebnisse ein. Im Anschluss boten verschiedene Workshops Gelegenheit, Möglichkeiten und Grenzen der KI im Berufsalltag zwischen Seelsorge, Verwaltung, Gemeinde- und Öffentlichkeitsarbeit auszuloten. Im Mittelpunkt stand dabei nicht allein die Frage, was KI technisch leisten kann, sondern wie ihr Einsatz mit dem Selbstverständnis kirchlicher Arbeit vereinbar ist.

KI als Verheißung und Versuchung
KI verspricht Entlastung, neue Zugänge zu Menschen und mehr Zeit für die eigentlichen Aufgaben kirchlicher Arbeit. Sie kann Texte vorbereiten, Informationen strukturieren, Routineaufgaben vereinfachen und neue Möglichkeiten der Kommunikation eröffnen. Zugleich liegt eine Versuchung darin, technische Möglichkeiten vorschnell mit sinnvollen Lösungen gleichzusetzen. Nicht alles, was automatisiert werden kann, sollte auch automatisiert werden. 

KI ist kein Selbstzweck – erst die Prozesse dann KI

Darauf wies Sascha Dömer in seinem Workshop hin. Er ist Informatiker und Vorstand der LMIS AG , einem Unternehmen im Coppenrath Innovation Center  Osnabrück. 
„Das Hauptpotential der KI liegt darin, die Prozesse zu identifizieren, die dem Unternehmen bzw. der Kirche den meisten Mehrwert bringen. D.h. ich muss mir überlegen, welche Prozesse kosten Zeit, Kapazität und Energie. Es hilft nicht, jedes Problem sofort mit KI zu lösen. Zuerst muss man die Prozesse definieren und das haben wir im Workshop gemacht.“ 

Wie verändert KI Seelsorge und Chatseelsorge?

Darum ging es in dem Workshop von Pastor Achim Blackstein, der zunächst das professionelle Selbstverständnis von Pfarrpersonen angesichts zunehmend leistungsfähiger KI-Systeme thematisierte. „In der Seelsorge müssen wir verstehen, wie KI arbeitet, wo ihre Grenzen sind und wo sie uns „unterstützen“ kann. Grenzen der KI: KI ist nicht empathisch, sie kennt keine Resonanz im eigenen Körper, sie kann nicht schweigen, sie braucht keine (Atem)Pausen. Aber sie kann Sparringspartner sein, niederschwellige Zugänge eröffnen und sie hilft für erste Klärungen. Wir wissen, dass Ratsuchende KI bereits nutzen und dass sie dies in Zukunft noch mehr tun werden.“ KI könne erste Orientierung bieten, Gedanken strukturieren, dabei helfen, sich auf ein Gespräch vorzubereiten oder eine Situation aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten,  so der Pastor für „Digitale Seelsorge und Beratung“ der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers am Zentrum für Seelsorge und Beratung (ZfSB) .

Entlastung im Pfarramt

Wie KI ganz praktisch im Pfarramt und in der Gemeindeverwaltung helfen kann, zeigte ein weiterer Workshop. Andy Ebels, stellvertretender Pressesprecher im Evangelischen Kirchenverband Köln und Region, stellte dabei sogenannte „Quick Wins“ vor – kleine, unmittelbar nutzbare KI-Anwendungen, die wiederkehrende Aufgaben erleichtern und Mitarbeitende im Alltag entlasten können. „Mir geht es darum, Wissen zu teilen, das Menschen Dinge erleichtert. Das treibt mich an und das konnte ich hier in dem Workshop tun. Ich probiere solche Dinge aus und freue mich, wenn das bei andern ankommt.“ Gleichzeitig machte er deutlich, wie KI funktioniert, wie wichtig gutes prompten ist und wie entscheidend  kritische Distanz bleibt: „KI lügt, um dir zu gefallen“.

Digitale Gemeindearbeit: Mitglieder im Blick behalten

Ein weiterer Workshop beschäftigte sich mit der Frage, wie sich die digitale Gemeindearbeit an den Bedürfnissen der Gemeindemitglieder ausrichten lässt. Im Fokus standen digitale Kommunikationswege, soziale Medien und die Möglichkeiten, Gemeindemitglieder zu erreichen, trotz begrenzter personeller und finanzieller Ressourcen. Professor Dr. Holger Sievert von der Macromedia University Köln und Studienleiter der DiRK-Studie fasste die zentralen Erkenntnisse zusammen:
„Für die öffentliche Wahrnehmung der Gemeindearbeit sind Internet und vor allem Social Media inzwischen oft wichtiger als Pressearbeit; Instagram funktioniert auch für höhere Altersgruppen. Künstliche Intelligenz wird die Arbeitsweise kirchlicher Öffentlichkeitsarbeit radikal verändern. Und: Digitale Innovation und KI-Einführung in Kirche ist meistens situativ oder personalgetrieben.“
Wer Menschen erreichen möchte, müsse ihre Kommunikationsgewohnheiten kennen und digitale Kanäle entsprechend nutzen. Dabei geht es nicht nur um Reichweite, sondern auch um Verständlichkeit, Glaubwürdigkeit und Beteiligungsmöglichkeiten.

Verantwortung bleibt menschlich

Die vier Workshops machten aus unterschiedlichen Perspektiven deutlich, dass vor dem Einsatz von KI immer das menschliche Denken steht, dass KI die Fähigkeit verlangt, Informationen und Quellen zu überprüfen und mögliche Fehler oder Verzerrungen zu erkennen. Hinzu kommen grundsätzliche Fragen des Datenschutzes.
Unerlässlich sind zudem verbindliche Regeln für den KI-Einsatz. Dazu zählen Fragen wie: Welche Entscheidungen dürfen nicht an ein technisches System delegiert werden? Und: Wie bleibt gewährleistet, dass Menschen die Ergebnisse prüfen und die letzte Entscheidung treffen? 

(Text und Fotos Brigitte Neuhaus, Sprengel Osnabrück)